{"id":1497,"date":"2024-02-05T10:12:28","date_gmt":"2024-02-05T10:12:28","guid":{"rendered":"https:\/\/network-earn.org\/?p=1497"},"modified":"2025-01-27T14:40:05","modified_gmt":"2025-01-27T13:40:05","slug":"insolvenzanfechtung-bundesgerichtshof-rudert-weiter-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/earn-network.eu\/start\/insolvenzanfechtung-bundesgerichtshof-rudert-weiter-zurueck\/","title":{"rendered":"Insolvenzanfechtung: Bundesgerichtshof rudert weiter zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">Insolvenzanfechtung: Bundesgerichtshof rudert weiter zur\u00fcck<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"425\" height=\"250\" src=\"https:\/\/earn-network.eu\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ruderer425-250.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1900\" srcset=\"https:\/\/earn-network.eu\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ruderer425-250.jpg 425w, https:\/\/earn-network.eu\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Ruderer425-250-300x176.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Berlin, 05.02.2024<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neues BGH-Urteil zur Vorsatzanfechtung \u00a7 133 Abs. 1 InsO<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem der Bundesgerichtshof (BGH) bereits in seinen Entscheidungen vom 3. M\u00e4rz 2022 (IX ZR 78\/20) und vom 23. Juni 2022 (IX ZR 75\/21) sich mit der gesetzlichen Tatsachenvermutung des&nbsp;<strong>\u00a7 133 Abs. 1 Satz 2 InsO<\/strong>&nbsp;befasst hatte, greift er diesen Gesichtspunkt in einer erst jetzt im Januar 2024 ver\u00f6ffentlichten&nbsp;<a href=\"https:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;sid=b7f8edbfa8125311a048e3ee520f464e&amp;nr=135955&amp;pos=0&amp;anz=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Entscheidung vom 26. Oktober 2023 (IX ZR 112\/22)<\/a>&nbsp;erneut auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit best\u00e4tigt sich&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.paschen.cc\/top-themen\/insolvenzanfechtung-bgh-zur-vermutungsregelung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die seinerzeit von PASCHEN ver\u00f6ffentlichte Einsch\u00e4tzung<\/a>, wonach der Bundesgerichtshof dem Vermutungstatbestand des \u00a7 133 Abs. 1 Satz 2 InsO wieder mehr Bedeutung verschaffen m\u00f6chte. Es darf davon ausgegangen werden, dass die aufeinanderfolgenden Wechsel im Vorsitz des f\u00fcr die Insolvenzanfechtung zust\u00e4ndigen IX. Zivilsenats in den letzten drei Jahren f\u00fcr diese Rechtsprechungs\u00e4nderung zum Nachteil der Anfechtungsgegner verantwortlich zeichnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kenntnis des Gl\u00e4ubigerbenachteiligungsvorsatzes<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach der Regelung im \u00a7 133 Abs. 1 Satz 2 InsO wird beim Anfechtungsgegner Kenntnis des Gl\u00e4ubigerbenachteiligungsvorsatzes des Insolvenzschuldners vermutet, wenn er wusste, dass beim Insolvenzschuldner Zahlungsunf\u00e4higkeit vorliegt. Auf die Kenntnis der drohenden Zahlungsunf\u00e4higkeit kann hingegen nur noch in den F\u00e4llen abgestellt werden, in denen der Anfechtungsgegner keine direkte Gegenleistung f\u00fcr die angefochtene Rechtshandlung erbracht hat. In diesem Punkt hat die Reform des Anfechtungsrechts vom 5. April 2017 die Rechtsposition von Lieferanten und Dienstleistern erfreulicherweise etwas verbessert.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gl\u00e4ubiger waren nach der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.paschen.cc\/top-themen\/insolvenzanfechtung-neue-rechtsprechung-bgh\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Entscheidung des Bundesgerichtshofes vom 6. Mai 2021 (IX ZR 72\/20)<\/a>&nbsp;davon ausgegangen, dass der Anwendungsbereich der gesetzlichen Vermutung des \u00a7 133 Abs. 1 Satz 2 InsO jetzt nur noch auf Ausnahmef\u00e4lle beschr\u00e4nkt sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Entscheidungen vom 3. M\u00e4rz 2022 und vom 23. Juni 2022 hatten zwar f\u00fcr diejenigen Gl\u00e4ubiger, die&nbsp;<strong>Zahlungen aufgrund eines schl\u00fcssigen Sanierungskonzeptes<\/strong>&nbsp;erhalten haben, etwas&nbsp;<strong>mehr Rechtssicherheit<\/strong>&nbsp;gebracht, gleichzeitig aber bereits deutlich betont, dass der Anwendungsbereich des \u00a7 133 Abs. 1 Satz 2 InsO nicht eingeschr\u00e4nkt werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eckpunkte der BGH Entscheidung&nbsp;<a href=\"https:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;sid=b7f8edbfa8125311a048e3ee520f464e&amp;nr=135955&amp;pos=0&amp;anz=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">IX ZR 112\/22<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p>Nun befasste sich der Bundesgerichtshof in der jetzt ver\u00f6ffentlichten&nbsp;<strong>Entscheidung vom 26. Oktober 2023<\/strong>&nbsp;nochmals ausf\u00fchrlich mit der&nbsp;<strong>Reichweite der Vermutungsregelung<\/strong>&nbsp;des \u00a7 133 Abs. 1 Satz 2 InsO.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eckpunkte dieser Entscheidung sind eindeutig: kennt der Anfechtungsgegner die Zahlungsunf\u00e4higkeit des sp\u00e4teren Insolvenzschuldners, streitet die Tatsachenvermutung des \u00a7 133 Abs. 1 Satz 2 InsO f\u00fcr den anfechtenden Insolvenzverwalter, d.h. er hat den Nachweis gef\u00fchrt, dass der Anfechtungsgegner den Gl\u00e4ubigerbenachteiligungsvorsatz des Schuldners kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser muss nun seinerseits die gesetzliche Vermutung widerlegen und den Vollbeweis daf\u00fcr f\u00fchren, dass er den Gl\u00e4ubigerbenachteiligungsvorsatz des Insolvenzschuldners nicht kannte. Hierzu muss er zu \u00dcberzeugung des Gerichtes darlegen, dass er trotz erkannter Zahlungsunf\u00e4higkeit davon ausgehen durfte, dass der Schuldner in der daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit seine \u00fcbrigen bereits vorhandenen und absehbar hinzutretenden Gl\u00e4ubiger wird vollst\u00e4ndig befriedigen k\u00f6nnen. Allein dies stellt schon f\u00fcr einen au\u00dfenstehenden Gl\u00e4ubiger, der die wirtschaftliche Situation seines Schuldners erfahrungsgem\u00e4\u00df nicht kennt, extrem hohe H\u00fcrden auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bundesgerichtshof hat aber noch eine weitere H\u00fcrde hinzugef\u00fcgt, die kaum noch zu nehmen sein d\u00fcrfte: der Anfechtungsgegner darf diese Prognose nur auf einer hinreichend verl\u00e4sslichen Beurteilungsgrundlage anstellen. D. h. mit anderen Worten, er darf nicht vagen Ausk\u00fcnften des Schuldners vertrauen, auch eine blo\u00dfe Hoffnung, dass die \u00fcbrigen Gl\u00e4ubiger auch befriedigt werden, l\u00e4sst der BGH nicht ausreichen.&nbsp;<strong>Verlangt wird vielmehr eine ausreichend verl\u00e4ssliche Beurteilungsgrundlage<\/strong>; wann diese gegeben ist, \u00fcberl\u00e4sst der Bundesgerichtshof erst einmal den Instanzgerichten. Im Ergebnis bedeutet dies, dass \u2013 wenn erst einmal der Vermutungstatbestand des \u00a7 133 Abs. 1 Satz 2 InsO zugunsten des Insolvenzverwalters eingreift \u2013 es dem Anfechtungsgegner nur noch in Ausnahmef\u00e4llen gelingen wird, diese Vermutung zu widerlegen, beispielsweise wenn ein belastbares Sanierungskonzept vorliegt (zu dessen Anforderungen: vergleiche BGH, Urteile vom&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.paschen.cc\/top-themen\/insolvenzanfechtung-bgh-zur-vermutungsregelung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">3. M\u00e4rz 2022 \u2013 IX ZR 78\/20<\/a>&nbsp;und vom&nbsp;<a href=\"https:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;sid=bf3173d1cf6f8b47f9b5ca5427430438&amp;nr=130762&amp;pos=0&amp;anz=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">23. Juni 2022&nbsp; IX ZR 75\/21<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p>Ob in solchen F\u00e4llen die zugunsten des Anfechtungsgegners in \u00a7 133 Abs. 3 Satz 2 InsO aufgestellte Vermutung eingreift, dass der Anfechtungsgegner bei Abschluss einer Zahlungsvereinbarung oder Gew\u00e4hrung einer Zahlungserleichterung die Zahlungsunf\u00e4higkeit des Schuldners nicht kannte, hat der BGH bislang nicht entschieden. Ebenso l\u00e4sst der Bundesgerichtshof offen, welchen Zeitraum er mit der Formulierung \u201ein der zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit\u201c bis zur vollst\u00e4ndigen Befriedigung aller Gl\u00e4ubiger zu Grunde legen will. Die Rechtsunsicherheit f\u00fcr Gl\u00e4ubiger wird damit wieder deutlich gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der BGH befasste sich in seinen Entscheidungen vom 3. M\u00e4rz 2022 und 23. 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